Mittwoch, 10. März 2010

Wolfgang Gerhardt - Naumann-Stiftung

Wolfgang Gerhardt würdigt Otto Graf Lambsdorff


Otto Graf Lambsdorff (1926-2009)
Der FDP-Ehrenvorsitzende und frühere Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, von 1995 bis 2006 Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, ist am 05.12.2009 im Alter von 82 Jahren gestorben. Wolfgang Gerhardt würdigt seinen Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in einem Gastbeitrag für den FOCUS vom 14.12.2009:

 

Als Otto Graf Lambsdorff einmal gefragt wurde, wovon er sich wünsche, dass es dereinst in den Geschichtsbüchern über ihn stehen solle, war seine Antwort: dass er versucht habe, ein ordentlicher Mensch zu sein und dass er mit Nachdruck für die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung eingetreten sei. Es wird mehr über ihn nachzulesen sein.

 

Otto Graf Lambsdorff forderte viel von sich selbst, er war ein Mann mit geradem, unbezähmbarem Willen zu Urteilsfähigkeit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Eigenschaften, die John Stuart Mill mit den Sätzen beschreibt, dass jede Kultur der Freiheit unverzichtbare Voraussetzungen in Menschen braucht, die Freiheit lieben, die Rechtschaffenheit achten und ihre Kultur mit dem eigenen Lebensentwurf in die Zukunft hineintragen. Graf Lambsdorff wollte auf solche Erwartungen auch an Andere nicht verzichten. Das merkte man in jedem Gespräch, wenn man es merken wollte, das hörte man in jeder Rede, wenn man wirklich zuhörte, und das spürte man bei jeder Begegnung. Diejenigen, so wollte er verstanden wissen, die im Leben die ihnen gegebenen Chancen durch eigene Tatkraft zu nutzen wussten, von denen musste man Kenntnis von Sachverhalten, menschliche Kompetenz und eine Kultur des Dialoges und auch der Streitbarkeit erwarten dürfen, die unser kulturelles Erbe bereitstellt. Ein gebildeter Bürger mit einer anerzogenen und in Selbstdisziplin gelebten Zivilisiertheit wie Graf Lambsdorff hielt das in einer Art und Weise für selbstverständlich, dass er ungeduldig werden konnte, wenn erfolgreichen Menschen diese charakterliche Mitgift fehlte.

 

Er redete nie um den Brei herum. Er war höflich und direkt zugleich. Er war aber ebenso barmherzig. Er nahm Anteil an Schicksalen und teilte sich denen, die schwierige Lebenssituationen zu bewältigen hatten, in unnachahmlich Anteil nehmender Geste mit. Er sprach darüber öffentlich wenig. Er wollte, dass es von denen verstanden wurde, die es betraf und die es etwas anging. Das staatliche Budget war für ihn nie die letzte Auskunftsstelle für soziale Kompetenz und menschliche Qualität.

 

Graf Lambsdorff hat Marktwirtschaft als eine regelgeleitete und diskriminierungsfreie Wirtschaftsordnung freiheitlicher Gesellschaften verstanden. Sie war für ihn kein "cold project", auch wenn es ihm viele andichteten. Für die Marktwirtschaft gelten Spielregeln. Es geht um einen fairen Wettbewerb. Er wusste, dass dort, wo beides ausgeschaltet wird, sich unbegrenzte und unkontrollierte wirtschaftliche wie politische Macht entfaltet. Die Schleifspuren solcher Systeme nahm er noch lange nach der Vereinigung seines Vaterlandes - so verstand er Deutschland ? auf. Die vermeintliche soziale Freiheit unter den Beglückungsbannern hatten zu viele mit ihrer ganz persönlichen Freiheit bezahlen müssen.

 

Menschenrechte waren für Otto Graf Lambsdorff deshalb stets neben Marktwirtschaft die andere Seite derselben Medaille Freiheit. Er trat unerschrocken für sie ein und ließ niemanden in Unklarheit über seine Haltung. Er konnte dabei ganz undiplomatisch sein. Sein Wort und sein Engagement haben vielen geholfen, Machthaber hat es verärgert. Man könnte doch auch etwas vorsichtiger sein, vermittelten ab und zu selbst Freunde. Er kannte aber in Menschenrechtsfragen keinen Rabatt. Wer hier anfängt zu wackeln, so war er zu vernehmen, der verspielt am Ende die Freiheit. Frei nach Friedrich Schiller: "Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben."

 

Graf Lambsdorff war ein international hoch angesehener Mann. Die Regelungen für die Entschädigung der Zwangsarbeiter zu verhandeln, wer hätte das eigentlich besser machen können als er, so muss man sich selbst im Nachhinein fragen. Es gab keinen Besseren, und er hat es als Ehre und Aufgabe zugleich empfunden, seinem Land dienen zu können. Wenn über etwas Preußisches in seinen Zügen geredet und geschrieben wird, dann hier. Eine Pflichterfüllung aus den Erfahrungen und auch den Leiden seiner Generation, die auch an ihm Narben hinterlassen hatte.

 

Auch wenn er erst spät, 1972, in den Bundestag gewählt wurde - politisch aktiv war er seit der frühen Nachkriegszeit. Er gehörte zu einer Generation von Politikern, die ihre Prägung in den Jahren von NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg erfahren hat, und die sich nach 1945 ganz bewusst einer Partei angeschlossen haben, um am Aufbau eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaats mitzuwirken. Im parteipolitischen Engagement sah Graf Lambsdorff eine der wirkungsvollsten präventiven Maßnahmen gegen die großen Gefährdungen von Freiheit, die Lord Ralf Dahrendorf im Falle des Nationalsozialismus als Angebot von Bindung und Führung und im Falle des Kommunismus als Angebot von Bindung und Hoffnung beschrieben hat. Graf Lambsdorff hatte eine gesunde Skepsis den Verführungen des Totalitarismus gegenüber entwickelt. Er wusste, dass sie in neuen Uniformen immer wieder erscheinen können. Es gibt eben immer wieder viele Zeitgenossen, die sich gerne an einem Leitseil führen lassen, um sich eigener Anstrengungen zu entledigen.

 

Otto Graf Lambsdorff hat sich nie um Heiligsprechung bemüht. Er nahm sich eher zurück, er war niemand, der sich gern selbst bespiegelte. Eitelkeiten waren ihm ein Gräuel. Reden auf sich selbst versuchte er, wo immer es ging, zu vermeiden, im Ernstfall bat er sehr eindringlich darum, sie zu unterlassen. Insbesondere nach dem und im Verfahren wegen Steuerhinterziehung haben manche Kommentare der sogenannten vierten Gewalt diese Charakteristika nicht beachtet, nie gesehen und auch nicht versucht, sie zu ergründen. Heute könnten und müssten sie es besser wissen.


Der Verstorbene war ein bescheidener und ebenso großer Mann, ein Citoyen, wie er im Buche steht. Seine Handschrift ist in der Geschichte unseres Landes wie in der Geschichte des politischen Liberalismus erkennbar und nachlesbar. Wir werden ihn nie vergessen - wie könnten wir auch.