Wolfgang Gerhardt zum Betreuungsgeld

Foto: a4gpa auf flickr.com Die Diskussion um das Betreuungsgeld ist der Ausdruck einer tiefen Verunsicherung über die Fähigkeit vieler Familien, ihre Kinder ordentlich zu erziehen, sie zur Schule zu schicken, ihnen ein Frühstück zu bereiten und ein Mindestmaß an Zivilisiertheit zu vermitteln. Sie unterliegt allerdings auch der Gefahr, besserwisserisch daher zu kommen. Es gibt eben auch Familien, die mit Kindergeld etwas Produktives für ihre Kinder unternehmen und es gibt mit Sicherheit Familien, die mit dem Betreuungsgeld genau auf das abzielen, was auch Sinn einer Familie ausmacht: Sich um die Kinder dann wirklich zu kümmern.
Ich kenne jedenfalls Familien, die sich um ihre Kinder kümmern und bei denen die Partner dafür beruflichen Verzicht leisten und ich kenne Familien, die engagiert beruflich tätig sind und die Angebote nutzen, die es für Kinderbetreuung gibt. Beiden ist kein Vorwurf zu machen und beide müssen in ihrer jeweiligen Lebens- und Familienauffassung respektiert werden.
Die Koalition aus CDU/CSU und FDP muss beiden Lebensentscheidungen gerecht werden. Dass das nicht einfach war, musste bei den Koalitionsverhandlungen schon jedem bekannt sein. Dass jetzt eine solche Nachdiskussion stattfindet zeigt, dass anscheinend nicht tief genug verhandelt worden ist. Mir erscheint angesichts vieler Kinderschicksale, die wir beobachten können, eine Gutscheindiskussion legitim. Sie darf allerdings die Grenze nicht überschreiten, die darin besteht, dass wir aus der Politik nicht in jede Familie hineinsehen können. Die Politik kann Angebote unterbreiten, sie kann Betreuungsplätze organisieren, sie muss die Entscheidung aber bei den Familien belassen. Wer diese Diskussion total führt, der muss sich auch fragen lassen, warum das Kindergeld ausgezahlt wird. Denn was für das Betreuungsgeld gilt, mit Hinweis auf die Zweifel seines Nutzens für Kinder, vor allem aus Problemfamilien, der muss das erst recht bei dem Thema Kindergeld anführen. Es ist also Vorsicht geboten, wenn man sich nur auf die eine oder andere Seite schlägt.
Dabei muss nicht alles staatlich, flächendeckend und kollektiv geregelt werden. Es würde völlig genügen, wenn sich der eine oder andere Oberbürgermeister oder Landrat, die eine oder andere Oberbürgermeisterin, Bürgermeisterin oder Landrätin, ganz einfach in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich darum kümmern würde, dass Hebammen zu Familienhebammen ausgebildet werden, dass die entsprechenden Summen zur Verfügung gestellt werden und dass ein sogenanntes Backoffice für ihre permanente Betreuung und Beratung an einer Universität, an einer Fachhochschule mit Psychotherapeuten und Sozialarbeitern in dem einen oder anderen Fall zur Verfügung steht. In Deutschland gehen die Diskussionen über frühkindliche Bildung und Erziehung und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so merkwürdig abstrakt vor sich. Und sie münden immer in der Aufforderung an andere, etwas zu tun. Ein Akzent für eine neue Sozialpolitik ist dabei noch niemandem so recht eingefallen. Sie könnte aber genau da beginnen, wo Kinder geboren werden. Und sie kann nicht in der reinen Alimentierung von Familien enden, sondern muss in ihrer Ermutigung zur Selbstverantwortung bestehen.
