Sonntag, 5. Februar 2012

Wolfgang Gerhardt Innenpolitik

Zum Thema Bildung


Quelle: aboutpixel.de
Deutschland ist ein Land mit großen Potentialen. Lernen ist unsere unerschöpfliche Ressource. Höchstleistungsfähigkeit ist unsere größte Chance. Freiheit, Demokratie, soziale Marktwirtschaft und Wettbewerb sind die Grundlagen unseres gesellschaftlichen Wohlstands. Internationale Orientierung mit Europa und im Atlantischen Bündnis ist unsere Staatsräson.

Täuschen wir uns aber auch nicht: Wir befinden uns am Beginn eines neuen Jahrtausends mitten in einem großen Umbruch. Mitten in einen Prozess der Globalisierung der nicht nur die Unternehmen betrifft, sondern jeden Arbeitsplatz in den weltweiten Wettbewerb stellt. Die gegenwärtigen Wachstumsraten verdecken immer noch eher zugrunde liegende strukturelle Probleme, die noch längst nicht aus dem Weg geräumt worden sind. Unsere Wachstumsbasis ist zu schwach. Das Tempo der Veränderungen hat einiges auf den Kopf gestellt, was wir bisher über Arbeit über Produktion, über Standorte und über Produktivität gelernt haben und an das wir im übrigen einen Großteil unserer gesellschaftlichen und sozialen Systeme angedockt haben. Die Rente, die Krankenversicherung, das Betriebsverfassungsgesetz, der Flächentarif und viele alte Gewohnheiten.
Allen ist eines gemeinsam: Der Verbrauch in der Gegenwart ist zu hoch. Die Vorsorge für die Zukunft ist zu gering. Die Leistungsversprechen stellen einen ungedeckten Wechsel für die Zukunft dar. Die Zuweisung von kollektiver und individueller Verantwortung stimmt nicht mehr. Sie orientiert sich nicht mehr am Grundsatz der Fairness und schon gar nicht mehr an der Generationengerechtigkeit. Unser Staat steckt in einer Krise zwischen Erwartungen und Problemlösungsfähigkeit.

Unsere Wettbewerbsfähigkeit ist gesellschaftlich nicht nachhaltig genug. Risikoaversion wird groß- und Innovation wird kleingeschrieben. Was uns fehlt ist darüber hinaus eine Verständnis von Gesellschaft, die von selbstbewussten Bürgern getragen wird, die sich nicht als Staatskunden empfinden und ihr Vertrauen in das Gemeinwesen und seinen Zusammenhalt nicht nur von einer Hochkonjunktur abhängig machen. Demokratie kann nicht auf einen wirtschaftlichen und sozialen Zweckverband reduziert werden. Bürger zu sein bedeutet mehr als eine reine Erwerbbiografie mit Staatsangehörigkeit. Bürger, das war ein Ausdruck des Selbstbewusstseins und des Willens zur Unabhängigkeit und das sollte Bürger sein auch wieder werden.

Weltweit entwickelt sich vor unser aller Augen eine neue Verteilungsdebatte um Ressourcen und Chancen. Es gibt keine alten Stammplätze mehr. Einige plädieren für einen neuen Protektionismus, andere wollen die offenen Märkte nicht verspielen. Gesucht wird ein Maß für eine Gesellschaft zwischen Marktkräften und Sicherheiten gegen ökonomische Risiken. Denn politische und wirtschaftliche Stabilität wandert zu Wissensgesellschaften. Entscheidend ist Kompetenz im Wandel.

Das Zauberwort heißt Bildung. Sie ist unser Pass für die Zukunft. Erfolgreiche Länder verdanken ihre Wertschöpfung, kenntnis- und leistungsbereiten Menschen. Das Morgen gehört denen, die sich schon heute darauf vorbereiten. Ob als Selbständiger oder als Arbeitnehmer, ob in einer Führungsposition oder als Mitarbeiter. Neben lebenslangem Lernen werden Eigenschaften wie Kreativität, Risikobereitschaft und die Fähigkeit zur Verantwortung die bedeutendsten Wettbewerbsvoraussetzungen sein. Qualifizierte Bildung und Ausbildung erfordern Bereitschaft und Anstrengung. Lernen ist Verpflichtung sich selbst und ebenso der Gemeinschaft gegenüber. Leistungsbereitschaft ist das Ethos der Solidarität. Sie ist unser größtes Kapital. Sie ist unser Pass für die Zukunft.

Wir sollten lernen, wo wir herkommen, wer wir sind und wissen, was wir können müssen. Wir müssen mit unserem kulturellen Wissen und können vom heutigen Standort aus wieder ins Gespräch kommen. Wir brauchen Markierungen. Unterrichtseinheiten dürfen keine Trümmer sein. Es geht aber nicht allein um Fächer. Auch nicht allein um eine Steigerung der Bildungsausgaben. Weder mehr Unterricht noch neue Lehrpläne oder Qualitätsprogramme reichen aus. Auch nicht die Zuständigkeitsdiskussionen zwischen Bund und Ländern und auch nicht ein Zentralabitur. Es geht um Kompetenzen. Es geht um Lehrer und Elternhäuser. Es geht um die Art und Weise, wie Wissen in der Schule vermittelt wird, aber auch wie Haltungen, Werte und Einstellungen im Elternhaus vorgelebt werden. Es geht um die Kultur des Lernens.

Man braucht eben etwas, an dem Abzumühen sich lohnt, an einer begrenzten Zahl von Gegenständen das Lernen zu lernen, einzuüben, worauf es im Leben ankommt. Genauigkeit und Ordnungssinn, Einfallsreichtum und Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, auf sich allein gestellt, sein Ziel zu erreichen, und das Talent, sich mit anderen zusammen zutun und gemeinsam mit ihnen etwas Großes zu erreichen, früher nannte man das Allgemeinbildung, danach sprach man Sekundärtugenden, inzwischen nennt man es Schlüsselqualifikation. Ich bleibe bei der Allgemeinbildung. Sie braucht die Freiheit, die es erlaubt, den Stoff auch unter erzieherischen Gesichtspunkten auszuwählen.

Große Pädagogen haben immer gewusst, dass es der Schule nicht um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun ist und dass das Eine immer nur Voraussetzung für etwas anderes ist. Neulich las ich als Conclusio eines Heranwachsenden über das was er aus der Schule sozusagen mitgenommen habe folgendes: „Das Ziel unserer Arbeit bleibt die Freiheit. Diese erfordert den Willen und die Fähigkeit sich selbst ein Ziel zu setzen, dieses Ziel an Werten auszurichten und mit dem eigenen Leben in Übereinstimmung zu bringen und mit Disziplin und Konsequenz zu verfolgen.“

Nichts von dem lässt sich im direkten Zugriff erobern, weder die Kreativität noch soziale Kompetenz, keine Konfliktfähigkeit und keine Durchsetzungsvermögen, die Teamfähigkeit genau so wenig wie das problemlösende Denken. Der Zusammenhang mit dem, was schließlich herauskommen soll, lässt sich nie auf den ersten Blick erkennen, aber Originalität und Risikobereitschaft, Neugier und Fantasie, Einfallsreichtum und auch Mut und Unbefangenheit, all dies ist nicht gleichmäßig über die gesamte Lebenszeit verteilt, sondern wird sehr früh grundgelegt.

Pestalozzi schrieb vor 200 Jahren: „Die erste Stunde des Unterrichts ist die Stunde der Geburt. Es ist daher die Aufgabe der Eltern den Elementarunterricht der Kinder zu gewährleisten“. Hartmut von Hentig sagt, dass Eltern ihren Kindern das Beste geben sollen das sie haben: sich selbst. Die Schule kann nicht alles. Sie kann das Elternhaus nicht ersetzen. Das Grundgesetz gibt völlig zu Recht den Eltern das Recht auf Erziehung ihrer Kinder. Rechte korrespondieren aber auch immer mit Pflichten. Kindern kann man nicht kündigen. Ein Mindestmaß an Zivilisiertheit als Mitgift des Elternhauses ist unerlässlich. Sonst verliert die Gesellschaft den Zugang zur kulturellen Tradition der Freiheit, zur Fähigkeit zu Verantwortung, zum Gemeinwesen und leidet unter fehlendem Selbstvertrauen.

Je leistungsfähiger wir unsere Schulen machen, um so wirksamer und auffälliger wird der Unterschied der Befähigung aus sozialen und kulturellen Herkunftsmilieus. Unser Wissen wird immer bedeutsamer, die Kompetenz seines Erwerbs immer entscheidender, das eigene Selbstorganisationstalent, die Kooperations- und Gemeinschaftsfähigkeit unverzichtbar. Aber die Vorstellung ist ganz einfach lebensfremd, dass die Ungleichheit im Niveau der Chancennutzung jemals bildungs- oder sozialpolitisch einfach egalisiert werden könnte, wie immer wir uns auch anstrengen und um Chancengerechtigkeit bemüht sind.

Thomas Jefferson schrieb in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, that all men are created equal. Alle Menschen sind aber deshalb nicht identisch sonst würde ja im Prinzip einer genügen. Gleichheit hat die Bürger aus Verhältnissen von Vorrechten des Standes befreit. Gleichheit hat die Differenzierung der Stimm- und Wahlrechte nach Einkommen oder Grundvermögen beseitigt. Sie hat die Geschlechter gleichgesetzt. Sie macht Unterschiede in der Hautfarbe menschen rechtlich irrelevant. Aber die Nutzung der durch sie gegebenen Freiheit ist von Voraussetzungen abhängig, die ihrerseits allerdings ungleich verteilt sind. Der Zufall bei der Kombination unserer Erbanlagen macht uns alle einzigartig. Aber eben auch dadurch einzigartig unterschiedlich.

Es gilt die unterschiedlichen und besonderen Talente der Kinder früh aufzuspüren und zu fördern, sie nicht abzuschreiben, sondern sie zu entwickeln. Bildung kann nie eine Absenkung des Niveaus zulassen. Sie braucht die Begegnung mit anspruchsvollen Unterrichtsinhalten und mit Persönlichkeiten vom Kindergarten über Schulen und berufliche Bildung, bis in die Hochschule. Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit sind dabei nicht identisch mit Ergebnisgleichheit. Wie zivilisiert, freiheitlich und gerecht eine Gesellschaft ist, zeigt sich gerade in ihrem Umgang mit Talenten. Wir bleiben aber auf eine Kultur der Anerkennung von Unterschieden und schlechterdings nicht zu beseitigenden Ungleichheiten angewiesen.

Es gilt das Misstrauen gegen die Freiheitspotenziale von Menschen zurückzudrängen. Eine demokratische Gesellschaft muss Auswahl und Pflege der Begabungen zu ihrem Anliegen machen. Es ist doch ganz selbstverständlich, dass nur der, der die Breite fördert, auch die besonders begabten erreichen kann. Ohne viele, keine Elite. Auch die Besten brauchen ein aufnahmebereites Umfeld. Wer die Arbeit und Pflege der Begabungen behindert macht nichts herrschaftsfreier und demokratischer. Er verhindert nur, dass einige mehr leisten könnten und macht eine Gesellschaft geistig und wirtschaftlich ärmer. Es ist keine Frage, ob eine Gesellschaft Eliten braucht. Sie hat sie und wird sie immer haben.

Wenn eine demokratische Gesellschaft sich von einer egalitären unterscheiden will, dann muss sie Elitepositionen unabhängig von Rasse, Herkunft, Geschlecht und Religion möglich machen, aber nicht unabhängig von Befähigung und Leistung. Und sie muss das Ausbildungssystem differenzieren und die Verschiedenheit der Begabungen und Neigungen entwickeln und sie produktiv wirksam werden lassen.
Dabei bedeutet Erziehung zur Leistung stets zugleich die Erziehung zur Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft; ganz altmodisch, aber zutreffen; zu jenen Tugenden, die die Qualität einer Gesellschaft ausmachen. Zu Glaubwürdigkeit und Vorbildcharakter, zu Maßstäblichkeit bei zivilisatorische Standards. Das alles ist nicht zu erreichen mit einem Denken in Qualifikationslaufbahnen in denen man Zertifikate erwirbt, die zu einem Abschluss berechtigen mit dem man dann in einen Berufslaufbahn einbiegt. Solches Denken stranguliert jede Kultur der Selbständigkeit.

In den bei PISA führenden Ländern wurde den Schulen mehr Freiheit gegeben. In Finnland wurde die Schulaufsicht völlig abgeschafft. Man vertraut dort auf regelmäßige Tests, die der Schulen sagen, wo sie steht. In Schweden wurde die Aufsichtsbehörde Ende der 80er Jahre abgeschafft. Jede Schule hat dort ihren Etat, stellt Lehrer ein und handelt Gehälter aus. Es geht nicht um eine Pseudoautonomie, wo Schulen ihre Bürokratie nun selbst erledigen. Probleme sind ein biographisches Kapital. „Problems are our friends” sagt Michael Fullan, Erziehungswissenschaftler und Change-Theoretiker aus Toronto. Damit wies er den überaus erfolgreichen kanadischen Schulen den Weg.

Überall in Deutschland sind neue Schulen im Aufbau und eine ganze Reihe staatlicher Schulen ist in Umgründung. Sie alle wollen Orte schaffen, an dem das Lernen wieder Spaß macht und Erfolge zeitigt. Sie wollen eine Atmosphäre schaffen, in der Lernen als das große Projekt des eigenen Lebens gewagt werden kann. Sie brechen mit dem Status nur Untermieter im System zu sein.